Invertiertes Lernen: Wohltat für deine Augen

Erinnerst du dich noch an deine Schulzeit? Die Tafel war schwarz oder dunkelgrün, die Kreide weiß. Die Buchstaben und Zahlen darauf waren gut sichtbar.
Bücher und andere Drucksachen sind dagegen durchweg schwarz auf weißem Grund gedruckt, und auch auf den Bildschirmen von PCs, Smartphones und Tablets dominiert schwarze Schrift auf weißem Hintergrund. Für das Auge ist Schwarz jedoch keine Farbe. Es ist ein schwarzes Loch und nur schwer zu erkennen. Für unser Sehvermögen ist Schwarz gleichbedeutend mit Dunkelheit, mit der Abwesenheit von Licht.
Das Weiß des Hintergrunds nimmt das Auge problemlos wahr. Ein heller Punkt im Dunkeln ist besser und vor allem schneller zu sehen als ein dunkler Punkt im Hellen. Bei gedruckten Büchern ist das aus wirtschaftlichen und ökologischen Gründen nicht möglich. Bei modernen PC-Bildschirmen oder Smartphones lassen sich die beiden Farben dagegen ganz einfach vertauschen. Fast alle Hersteller bieten inzwischen sogenannte „Dark Themes“ an. Das sind Designs, die weiße Hintergründe schwarz und schwarze Schrift weiß darstellen. Die übrigen Farben erscheinen je nach gewähltem Design entweder im Original oder invertiert.
Andrea C. Aleman, Min Wang und Frank Schaeffel vom Forschungsinstitut für Augenheilkunde am Universitätsklinikum Tübingen haben in einer Studie Erstaunliches entdeckt: Beim invertierten Lesen, also bei weißer Schrift auf schwarzem Hintergrund, ließ sich das Längenwachstum des Auges verlangsamen. Die Forschung dazu steht allerdings noch ganz am Anfang. Geplant ist außerdem, die Studie mit Schulkindern fortzusetzen, um die Ergebnisse zu überprüfen.
Wie funktioniert die Netzhaut des Auges?
Eine Digitalkamera verarbeitet alle Bildpunkte (Pixel) auf die gleiche Weise. Die Netzhaut dagegen „misst“ vor allem die Unterschiede zwischen benachbarten „Pixeln“. Von der Zelle ans Gehirn weitergeleitet wird nur der Helligkeitsunterschied zwischen dem Zentrum und dem Rand des lichtempfindlichen Bereichs. Diese Reduktion der Sehinformation ist notwendig, weil die Netzhaut 125 Millionen „Pixel“ hat, der Sehnerv aber deutlich weniger übertragen kann. Er verfügt „nur“ über rund eine Million parallele Verbindungen. Bei der Übertragung der Informationen von der Netzhaut ans Gehirn gibt es also einen Engpass. Diesen Engpass umgeht die Netzhaut mit der oben beschriebenen Vereinfachung der Sehinformation.
Von diesen Zellen gibt es zwei verschiedene Typen. Der eine Typ prüft, ob in seinem lichtempfindlichen Bereich das Zentrum heller und das Umfeld dunkler ist (sogenannte ON-Zellen). Der andere Typ prüft umgekehrt, ob das Zentrum dunkler und das Umfeld heller ist (sogenannte OFF-Zellen). Beim natürlichen Sehen werden beide Zelltypen ausgewogen aktiviert.
Doch wie sieht es beim Lesen von Texten aus? Im digitalen Alltag von heute sitzt du den ganzen Tag vor Bildschirmen oder Büchern. Dabei überträgt die Netzhaut mehr OFF- als ON-Signale ans Gehirn. Das Forschungsteam konnte messen, wie sich die Aderhaut (die Schicht hinter der Netzhaut) verhält. Aus anderen Studien ist schon lange bekannt, dass die Dicke der Aderhaut mit dem Längenwachstum des Auges und der Entstehung von Kurzsichtigkeit zusammenhängt.
Was invertiertes Lesen bewirkt
Nachdem die Versuchspersonen nur eine Stunde lang invertierten Text gelesen hatten, zeigte die optische Kohärenztomografie (OCT) bei ihnen eine dickere Aderhaut. Eine dickere Aderhaut geht mit einer langsameren Entwicklung von Kurzsichtigkeit einher. Außerdem konnte das Team messen, wie die Aderhaut dünner wurde, nachdem die Versuchspersonen eine Stunde lang schwarzen Text auf weißem Hintergrund gelesen hatten. Schwarz auf Weiß ist in unserem Alltag der Normalfall. Daraus schlossen die Forschenden, dass invertiertes Lesen eine fortschreitende Kurzsichtigkeit stoppen könnte.
Ein weiterer Nebeneffekt des invertierten Lesens am Bildschirm: Der Monitor gibt weniger LED-Licht ab. Ein Großteil der Fläche ist praktisch abgedunkelt.
Wie kannst du den invertierten Modus auf deinem Bildschirm nutzen?
Grundsätzlich spielt es keine Rolle, ob du einen Computer- oder einen Smartphone-Bildschirm im Dunkelmodus nutzen möchtest. Meist findest du in den Einstellungen des jeweiligen Geräts ein oder mehrere dunkle Designs (auch „Dark Theme“, „Dark Mode“ oder „Dunkelmodus“ genannt).
Je nach Betriebssystem werden nicht nur die Schriftfarben umgekehrt, sondern in vielen Fällen auch Bilder invertiert dargestellt. Weil das beim Arbeiten stören kann, gibt es in manchen Programmen spezielle Erweiterungen. Im Webbrowser Firefox installierst du dafür zum Beispiel das Add-on „Dark Background and Light Text“. Damit werden Bilder in ihren Originalfarben angezeigt, und nur der Text wird invertiert.
Invertiertes Lesen ist anfangs sehr ungewohnt, danach aber ausgesprochen angenehm. Nach einer Eingewöhnungsphase entspannen sich deine Augen deutlich. Achte bei deinem nächsten Stadtbummel einmal auf die Werbeschilder: Du wirst feststellen, dass die Hälfte davon helle Schrift auf dunklem Hintergrund zeigt. Invertierte Schrift ist auch heute gar nicht so ungewöhnlich, obwohl die gute alte Kreidetafel aus den meisten Schulen verschwunden ist.
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